Ergebnisse der bundesweiten Umfrage zur Vormundschaftsrechtsreform: Erste belastbare Einblicke in die Praxis
Breite Beteiligung – erstmals ein umfassender Überblick
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG Landesjugendämter) hat die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage zur Umsetzung der Vormundschaftsrechtsreform veröffentlicht. Die Auswertung wurde im Rahmen der 140. Arbeitstagung der Leitungen der Landesjugendämter vorgestellt und ist ab sofort auf der Website der BAG Landesjugendämter abrufbar.
Mit einer Beteiligung von 243 Jugendämtern (42,4 %) basiert die Erhebung auf einer tragfähige Datengrundlage. Mit ihr wird erstmals ein bundesweiter Einblick in ein Feld möglich, das bislang nur unzureichend statistisch erfasst war – insbesondere außerhalb der Amtsvormundschaft. Gerade zu Vereins- und ehrenamtlichen Vormundschaften bestanden bisher erhebliche Wissenslücken.
Die Umfrage wurde von der Arbeitsgruppe "Vormundschaften und Pflegschaften" durchgeführt und richtete sich an alle Jugendämter in Deutschland. Die Erhebung erfolgte anonymisiert und freiwillig zum Stichtag 31. Oktober 2025. Im Anschluss wurden die Daten sorgfältig aufbereitet, geprüft und ausgewertet.
Heterogene Strukturen – dynamische Entwicklungen im System
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild der Vormundschaftspraxis:
- Zum Stichtag wurden bundesweit 25.150 Amtsvormundschaften sowie 14.130 Amtspflegschaften von den Umfrageteilnehmenden angegeben.
- Auffällig ist, dass die mit der Reform eingeführten neuen Rechtsinstitute – etwa die vorläufige Vormundschaft, zusätzliche Pflegschaften oder die Bestellung von Pflegepersonen als Pfleger – bislang nur eine sehr geringe Rolle spielen. Dies deutet darauf hin, dass es in der gerichtlichen Praxis noch Vorbehalte oder Unsicherheiten bei der Anwendung gibt.
- Die Personalstruktur verändert sich sichtbar: Neben Verwaltungskräften und sozialpädagogischen Fachkräften nehmen auch weitere Berufsgruppen zu. Diese multiprofessionelle Öffnung wird als Chance für eine qualitativ stärkere Wahrnehmung der gesetzlichen Vertretung von Minderjährigen gesehen.
Koordinierungsstellen gewinnen an Bedeutung
Ein zentrales Ergebnis ist die zunehmende Einrichtung von Koordinierungsstellen Vormundschaft. Diese übernehmen vielerorts zentrale Aufgaben wie:
- die Prüfung der Geeignetheit von Vormündern,
- die Beratung und Unterstützung,
- sowie die Gewinnung ehrenamtlicher Einzelvormünder.
Damit wird ein wichtiger Schritt hin zu einer klareren organisatorischen Trennung und Profilierung des Aufgabenbereichs gemäß § 55 Abs. 5 SGB VIII sichtbar.
Auch bei den Fallzahlen zeigt sich ein verantwortungsbewusster Umgang: Die gesetzlich verankerte maximale Obergrenze von 50 Fällen pro Vollzeitstelle wird in der Praxis meist deutlich unterschritten und liegt vielfach im Bereich von 30 bis 40 Fällen.
Im Bereich der Vereinsvormundschaft zeigt sich ein heterogenes Bild der Finanzierung, die häufig über Mischmodelle erfolgt. Auch hier wird deutlich, dass es an einheitlichen und transparenten Rahmenbedingungen fehlt.
Fazit: Wichtige Impulse – aber weiterer Handlungsbedarf
Die Auswertung macht deutlich: Die Vormundschaftsrechtsreform ist in der Praxis angekommen, ihre Potenziale werden jedoch noch nicht flächendeckend ausgeschöpft. Insbesondere die neuen Instrumente werden bislang nur zurückhaltend genutzt.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse positive Entwicklungen: Die stärkere multiprofessionelle Ausrichtung sowie der Aufbau von Koordinierungsstellen tragen zur Qualitätsentwicklung bei und eröffnen neue Handlungsspielräume.
Für eine nachhaltige Weiterentwicklung sind jedoch weitere Schritte erforderlich:
- Aufbau einer bundesweiten, verbindlichen Statistik für alle Vormundschaftsformen
- Stärkung der Zusammenarbeit mit den Familiengerichten
- Weiterentwicklung von Strukturen und Unterstützungsangeboten, insbesondere im Bereich der ehrenamtlichen und Vereinsvormundschaften
Ausblick: Praxisnah weiterdenken
Die Arbeitsgruppe Vormundschaften/Pflegschaften der BAG Landesjugendämter wird die gewonnenen Erkenntnisse aktiv weiterführen. Geplant ist die Entwicklung praxisorientierter Online-FAQs zur Ehrenamtsvormundschaft sowie eine vertiefte Befassung mit allen relevanten Fragen der Vereinsvormundschaft.
Die BAG Landesjugendämter lädt alle Akteurinnen und Akteure ein, die Ergebnisse als Grundlage für die eigene Praxis zu nutzen und die Weiterentwicklung der Vormundschaft gemeinsam voranzubringen.